Zwischen allen Stühlen
Ich muss echt bescheuert sein, diesen Artikel in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Lage zu veröffentlichen, zumal ich das 'Shitstorm-Potenzial' abschätzen kann, wenn man die Sicherheit erbaulicher Artikel verlässt um über eine Angelegenheit zu sprechen, die auch polarisieren kann. Aber das Thema treibt mich schon eine Weile um, nicht zuletzt, weil die Implikationen und auch die praktischen Folgen, die aus diesem Thema erwachsen, auch in der Gemeinde Jesu zu spüren sind.
Um zu verstehen, wie ich zu diesen Überlegungen komme, ein kleiner Einblick in das, was mich weltanschaulich geprägt hat: ich bin in einem sehr konservativen Familiensetting aufgewachsen. Mein Vater war auch Mitglied der entsprechend konservativen Partei und auf kommunaler und Kreisebene aktiv. Daraus ergab sich ein entsprechendes Weltbild bei Heranwachsenden. In meiner 'wilden' Phase, in der ich mich vom Elternhaus löste, und in der meine Altersgenossen i.d.R. politisch nach links drifteten, wählte ich den anderen Weg und war zwei Jahre Mitglied einer rechtsextremen Partei.
Das ist eine Episode in meinem Leben, für die ich mich immer noch schäme - und ich sage mit voller Überzeugung, dass ich Gott dankbar bin, dass er mich durch den Weg, den er mich geführt hat, aus diesem Mindset befreit hat. Wenn ich so zurückdenke, dann wurde mein Weltbild in den 80er und 90er Jahren geprägt; das war eine Zeit, die ihre eigenen Themen und auch Herausforderungen hatte. Mittlerweile stelle ich fest: Das war ja eigentlich gar nicht so schlecht; das Leben war halbwegs sicher und berechenbar. Und in den 90er Jahren von Euphorie und einer positiven Weltsicht geprägt (lässt man mal die Tatsache beiseite, dass wir Deutschen einfach immer etwas zu maulen haben).
Diese Sicherheit ist uns in den letzten Jahren verloren gegangen. Das hat viele Gründe, die ich hier nicht näher analysieren kann/will, aber die Spaltung, die wir in der Gesellschaft wahrnehmen, ist bis in die Kreise christlicher Gemeinden zu spüren. Positionen werden extremer, gemeinsame Haltungen auch bei unterschiedlichen Meinungen sind zusehends schwerer zu finden; die Bereitschaft, Themen differenziert und von verschiedenen Standpunkten zu betrachten, nimmt ab und die Bereitschaft, sich zu erregen und zu empören und unterkomplexe Formeln zu wiederholen, nimmt zu. Und es fällt auch Christen bisweilen schwer, sich gegenseitig als Geschwister im Glauben auch bei unterschiedlichen politischen Weltsichten einfach stehen zu lassen. Es ist zeitweise wirklich ermüdend.
Da sind wir schon bei der Frage, die sich mir in diesen Tagen stellt: Wo ist eigentlich unser Platz als Christen in alledem? Immer wieder gibt es Leute, die mir erzählen, man könne als Christ ja im Prinzip nur noch diese oder jene Partei wählen (anhand von verschiedenen Themen, die dann als meinungsstiftendes Beispiel genannt werden).
Ich merke für mich selbst, dass ich mich als Nachfolger von Jeuss zusehends politisch heimatlos fühle. Dass ich den Eindruck gewinne, ich säße zwischen allen Stühlen. Wenn ich Jesus folge, dann kann ich nicht auf eine bestimmte Ideologie festgenagelt werden.
Beispiele? Wenn ich mich für das 'klassische' Familienbild einsetze und gegen Abtreibung argumentiere, gelte ich bei vielen als 'rechts'. Wenn ich ein unkompliziertes Verhältnis zu Menschen mit Migrationshintergrund pflege und ihnen zeitweise helfe, mit deutschen Behörden klar zu kommen und sich an das Leben hier zu gewöhnen, gelte ich vielen als 'links'. Wenn ich die persönliche Freiheit hochhalte und die grundsätzliche Idee, dass jeder selbst etwas aus seinem Leben machen sollte, nennt man mich 'liberal'. Wenn ich der Ansicht bin, dass jeder, der in dieses Land kommt und weder Gesetz noch Kultur bereit ist, zu akzeptieren, auch gerne wieder ausreisen sollte, dann gelte ich erst recht als 'rechts'. Wenn ich es befürworte, dass ein Land, welches militärisch angegriffen wird, sich wehren darf und unterstützt werden sollte, dann werde ich 'Kriegstreiber' genannt. Und so weiter.
Mir ist übrigens auch klar, dass es Nachfolger Jesu gibt, die in unterschiedlichen Themen dieser Art durchaus zu unterschiedlichen Sichtweisen kommen können. Und das ist gut so: Eine lebendige Demokratie lebt nun einmal vom freien Meinungsaustausch.
Ich sitze also zwischen allen Stühlen, irgendwie. Und ich muss an die Worte denken, mit denen Jesus die Frage von Pilatus nach seinem Status als König und der Art seines Königreichs kontert: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von der Art der Königreiche dieser Welt, dann hättest du jetzt schon einen Aufstand an der Backe. Aber mein Reich ist nicht von dieser Welt" (Joh. 18,36; ich hab mir mal die Freiheit genommen, das für die heutige Zeit verständlich zu formulieren).
Ich merke: Wenn ich Jesus nachfolge, dann ergeben sich meine Werte nicht daraus, dass sie von einer politischen Ausrichtung diktiert werden; sie ergeben sich aus dem, was Gottes Wort sagt. Und das passt zu keiner Weltanschauung, denn diese Welt ist unvollkommen und selbst mit den besten Absichten nicht primär darauf aus, den Willen Gottes zu tun.
Als jemand, der sehr an Geschichte interessiert ist, halte ich das politische System einer parlamentarischen Demokratie für das Beste, was uns nach all dem, was wir vorher hatten, passieren konnte. Auch und gerade als Pastor eine Freikirche; gerade die haben zu keiner Zeit vorher so viel 'Beinfreiheit' gehabt wie in diesen Zeiten (und wer als Freikirchler die Einschränkung der Religionsfreiheit für andere fordert, der sollte wissen, dass er an dem Ast sägt, auf dem er selbst sitzt).
Das macht es an der Wahlurne natürlich schwer. Wir alle haben Themen, die uns poltisch wichtig sind, anhand derer wir eine Entscheidung treffen. Ob es nun Themen sind wie Umweltschutz, Migration, Abtreibung, innere Sicherheit, äußere Sicherheit und so weiter ... An kaum einem Ort hat die Frage: "Was würde Jesus tun?" so eine Tragweite für andere.
Ich lege mich nicht mehr auf eine bestimmte Weltanschauung fest. Zwischen den Stühlen der Welt; das scheint mir der richtige Platz für einen Nachfolger von Jesus zu sein; wie der Hebräerbrief schon schreibt: "hier auf der Erde gibt es keinen Ort, der wirklich unsere Heimat wäre und wo wir für immer bleiben könnten. Unsere ganze Sehnsucht gilt jener zukünftigen Stadt, ´zu der wir unterwegs sind`." (Hebr. 13,14) Das heißt nicht, dass wir uns als Christen aus der Verantwortung als wahlberechtigte Bürger dieses Landes verabschieden sollten; im Gegenteil. Wie C.S. Lewis schrieb: "Wenn Sie in die Geschichtsbücher schauen, werden Sie feststellen, dass die Christen, die am meisten für die gegenwärtige Welt getan haben, gerade diejenigen waren, die am höchsten von der zukünftigen Welt dachten."
Jesus zu folgen, heißt eben auch: Lernen, Verantwortung zu übernehmen. Aus Liebe zu den Menschen, für die Jesus gestorben ist. Und das sollte sich auch bemerkbar machen an der Art und Weise, wie wir mit andern Menschen umgehen (ohne deswegen ihr Weltbild übernehmen zu müssen) und sich immer wieder die Frage zu stellen: Was ergibt sich aus dieser Nachfolge und aus dem, was Jesus sagt und was er uns vorgelebt hat, für mein Leben und für meine politischen Haltungen und Sichtweisen, die ich als mündiger, wahlberechtiger Bürger haben sollte? Und: welche Rolle spielt die Tatsache, dass ich ja eigentlich Bürger des Reiches, das 'nicht von dieser Welt' ist in der Art und Weise, wie ich mit dieser Welt umgehe?
Um mit einem weiteren Satz von C.S. Lewis zu schließen: "Erst seit die meisten Christen aufgehört haben, an die andere Welt zu denken, sind sie in dieser Welt so wirkungslos geworden. Zielt man auf den Himmel, so bekommt man die Erde als „Zugabe“; zielt man auf die Erde, so bekommt man keins von beiden."
P.S.: von dieser Stelle aus ein Hat-Tip an Julian Kaiser, den Pastor der FeG Stuttgart, dessen Facebook-Postings zu diesem Thema mir sehr geholfen haben, meine Gedanken etwas zu sortieren
P.P.S: Die im Artikel zum Ausdruck gebrachten Haltungen sind meine persönlichen Haltungen. Das gilt übrigens für den gesamten Blog!

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