Leben in der Dunkelkammer
Es gibt Tage, da bin ich nicht gut im Warten. Die meisten Menschen, die ich kenne, sind nicht unbedingt gut im Warten, je nachdem, worauf gewartet wird. Wenn ich zum Beispiel an einer Kreuzung als Zweiter oder Dritter in einer Reihe vor der roten Ampel stehe, die Ampel springt auf grün und das erste Fahrzeug in der Reihe fährt nicht direkt los. Oder wenn ich etwas bestellt habe. In meiner Kindheit bestellten wir immer mal wieder Sachen aus dem 'Quelle'-Katalog - die Lieferung dauerte dann so etwa 3 Wochen. Heute werde ich schon hibblig, wenn ich als Premium-Kunde bei einem großen Online-Versandhändler die Ware nicht nach spätestens zwei Tagen habe.
Und es gibt Tage, da fällt das Warten immer noch nicht leicht, aber das ist kein Warten der genervten Sorte, sondern ich bin von Vorfreude gepackt. Wenn ich den Besuch eines lieben Menschen erwarte, den Anruf meiner Frau oder (wie dieses Jahr im Frühjahr) die Nachricht, dass das neu erworbene Auto abgeholt werden kann ...
Die 'Über-30-Jährigen' mögen sich noch erinnern an die Zeit, in der Fotografie noch nicht digital war. Damals legte man einen Film mit, sagen wir mal, 36 Bildern in die Kamera und fotografierte drauf los, hoffte dann insgeheim, dass so 12-16 Bilder gut und des Fotoalbums würdig sein könnten und musste wohl oder übel ein paar Tage abwarten, bis der Entwicklungsprozess in der Dunkelkammer durch war und die Abzüge auf Papier vorlagen. 'Dunkelkammertage'.
Manches Mal fordert uns auch Gott heraus, indem er uns warten lässt. Wo wir uns Änderung wünschen, möglichst schnell, möglichst sichtbar und möglichst gründlich. Und wo erst mal nix passiert; zumindest nichts, was ich wahrnehmen würde. Und das fordert ganz schön - das fordert meine Geduld und in der Geduld meinen Fokus auf Gott und vor allem Selbstbeherrschung in dem Sinn, dass ich nicht schon mal allein loslaufe und Gott halt nachkommen soll, wenn er sich dann mal entschieden haben sollte ...
Dunkelkammerzeiten im Glauben können lange dauern. 400 Jahre dienten die Israeliten den Ägyptern als Sklaven, bis Gott Mose vorbeischickte. 70 Jahre lang war das Volk Israel nach Babylonien und Persien deportiert. Jakob musste 14 Jahre schuften, bevor er seine Traumfrau heiraten durfte. Und auf den Messias haben die Israeliten mehrere Jahrhunderte gewartet, und als er da war, erkannten ihn die meisten nicht.
In meinem Erstberuf (Schriftsetzer) habe ich so einiges an Zeit in Dunkelkammern verbracht, meistens in der Abteilung nebenan bei den Reprofotografen. Auch wenn wir fürs Entwickeln der Fotos schon Maschinen hatten, haben wir in der Berufsschule noch gelernt, wie man das mit Schalen auf einem Tisch macht. Und da war immer eine ganz besondere Stimmung in der Dunkelkammer. Ungeduld, klar, weil man endlich sehen wollte, wie das Motiv dann auf dem Papier aussehen würde; ob man den Fokus richtig eingestellt hatte und wie das Bild insgesamt wirken würde. Ein bisschen Sorge war dabei; wenn man im falschen Moment auf den Auslöser gedrückt hatte, das Motiv sich bewegt hatte oder die Schärfe nicht richtig eingestellt war, dann wäre das Foto unbrauchbar. Und - natürlich - auch Vorfreude: Man hatte das Motiv ja noch im Kopf, das man auf ein Foto bannen wollte und konnte kaum erwarten, wie das in der Realität dann aussah.
Für diesen Warteprozess hat die Lutherbibel ein wunderbares altdeutsches Wort parat: "Harren". Das kommt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet so viel wie: "hoffnungsvoll auf etwas oder jemanden warten". Und genau das machen wir als Nachfolger von Jesus: Wir harren. Wir warten hoffnungsvoll, dass jemand das Chaos in dieser Welt mal aufräumt und eine neue Welt anbricht - genau das, was Jesus selbst und später auch die Apostel uns versprochen haben.
Harren heißt: Ich halte die Erwartung am Leben, nicht, in dem ich alle 4-5 Jahre ein neues Datum für die Wiederkunft von Jesus berechne, sondern in dem ich den Auftrag lebe, den er seiner Gemeinde hinterlassen hat. Harren heißt: Ich lasse mich nicht verrückt machen von Endzeitrechnern, Predigern mit Alleinseligmachungs-Anspruch oder welchen, die meinen, man könnte das, was Jesus gesagt hat, nach 2000 Jahren nicht mehr so eng sehen, oder Leuten, die resignieren. Und Harren heißt auch: Ich halte mich nah an Jesus - indem ich meinen Fokus auf sein Wort und die Begegnung mit ihm richte. Und ich bewahre Gelassenheit, weil ich weiß, dass Gott zu seinem Wort steht - auch wenn es länger dauert. Sicherlich keine bahnbrechend neue Erkenntnis, aber eine bewährte.
So lässt es sich auch in der Dunkelkammer aushalten. Und das Beste kommt noch! 😉

Stark!!
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